Volkswagen muss sparen. Die vorläufige Entwicklungspause beim elektrischen Golf zeigt, wie weit der Sparkurs inzwischen reicht. Ausgerechnet das wohl bekannteste Modell der Marke soll in die elektrische Zukunft geführt werden – doch selbst dafür fehlt offenbar momentan das Geld. Für mich wirft das eine grundlegende Frage auf: Wie will VW den nötigen Neustart schaffen, wenn schon die Entwicklung eines solchen Schlüsselmodells finanziell zum Problem wird?
Wie berichtet, begründet VW-Markenchef Thomas Schäfer die Pause laut Reuters mit fehlenden finanziellen Mitteln. Die Arbeiten sollen möglichst schnell wieder aufgenommen werden. Wann das tatsächlich der Fall sein wird, bleibt allerdings offen. Damit die Meldung auch korrekt eingeordnet wird: VW hat den ID. Golf nicht gestrichen, sondern pausiert einfach die Entwicklung. Der VW-Betriebsrat betont, dass sich die verlorene Zeit aufholen lasse.
Trotzdem ist die Entscheidung ein Warnsignal. Denn beim ID. Golf geht es um deutlich mehr als einen weiteren elektrischen Kompaktwagen.
Der ID. Golf allein wird es nicht richten können
Die Erwartungen an den neuen elektrischen Golf sind gross. So gross, dass Volkswagen dafür unbedingt auf die neue SSP-Plattform warten möchte. Doch die wurde bereits vor fast fünf Jahren angekündigt und lässt weiterhin auf sich warten. Genau hier liegt aus meiner Sicht eines der grössten Probleme von VW: Die Entwicklung neuer Technik dauert zu lange. Chinesische Hersteller bringen vergleichbare Neuerungen oft deutlich schneller in Serie.
Das zeigt sich auch an VWs Zusammenarbeit mit dem chinesischen Autobauer Xpeng. Die daraus entstandenen Modelle für China sind den europäischen VW-Modellen technisch in einigen Bereichen deutlich voraus. Es überrascht daher nicht, dass sich die Berichte über einen möglichen Einsatz dieser Technologien in Europa mehren. Offenbar prüft Volkswagen, die ursprünglich für den chinesischen Markt entwickelte Technik künftig auch in europäischen Modellen einzusetzen.
Die chinesischen Modelle stehen bereits auf einer 800-Volt, teilweise sogar auf einer 850-Volt-Architektur. Sie bieten damit extrem hohe Ladeleistungen. Laut Volkswagen lassen sich beispielsweise bei der neuen Elektro-Limousine ID. Unyx 09 in nur fünf Minuten bis zu 250 Kilometer zusätzlicher Reichweite nachladen. Davon ist Volkswagen bei den europäischen Modellen noch weit entfernt.

Solange die neue SSP-Plattform nicht bereit ist, müssen auch die darauf geplanten Elektroautos des VW-Konzerns warten. Das betrifft neben dem ID. Golf etwa den künftigen elektrischen Skoda Octavia oder dem elektrischen Cupra Leon. Ob die Entwicklungspause beim Golf auch Auswirkungen auf diese Modelle hat, ist bislang offen. Sie wirft aber zusätzliche Fragen zum ohnehin mehrfach verschobenen Zeitplan auf.
Aus meiner Sicht liegt genau hier die Brisanz der Entwicklungspause: VW spart momentan an einem Projekt, mit dem der Hersteller seine künftige Wettbewerbsfähigkeit stärken will.

VW muss sparen und gleichzeitig investieren
Es ist nachvollziehbar, dass ein Unternehmen unter finanziellem Druck seine Ausgaben genau prüft und geplante Projekte auf den Prüfstand stellt. Dennoch steckt Volkswagen mit dem Entwicklungsstopp in einer Zwickmühle: Neue Elektroautos auf einer komplett neuen Plattform erfordern zunächst hohe Investitionen, bevor sie überhaupt Geld einbringen.
Kurzfristig kann eine Entwicklungspause durchaus finanziell entlasten. Doch welche Folgen hat sie mittel- und langfristig? Auch wenn sich der Zeitverlust laut VW wieder aufholen lassen soll, halte ich das für eine gewagte Aussage. Im schlimmsten Fall kommen dringend benötigte technische Neuerungen erst später bei der Kundschaft an. Und das hätte wiederum Folgen.
Die Konkurrenz schläft nicht und entwickelt ihre Technik in rasantem Tempo weiter. Der Druck aus China dürfte in den kommenden Monaten und Jahren deshalb kaum abnehmen. Zwar rechne ich damit, dass sich der Markt dort in den nächsten Jahren konsolidieren wird. Von den zahlreichen chinesischen Herstellern, die inzwischen auch in Europa ihr Glück versuchen, dürften sich kaum alle behaupten können.
Darauf verlassen kann sich Volkswagen allerdings nicht. Für mich heisst das, dass VW auch in Zukunft weiter in Projekte wie den ID. Golf investieren muss.
Für Kaufinteressierte bleibt vor allem Unsicherheit
Volkswagen hat bislang nicht erklärt, wann die Entwicklung wieder aufgenommen wird. Da der elektrische Golf ohnehin erst um 2030 erwartet wird, ändert die Meldung für alle, die heute ein Elektroauto suchen, wenig. Wer hingegen bewusst auf den ID. Golf wartet, muss vorerst mit zusätzlicher Unsicherheit leben.
Für mich ist weniger entscheidend, ob der ID. Golf am Ende ein paar Monate früher oder später kommt. Vielmehr stellt sich die Frage, ob Volkswagen die nächste Generation seiner Elektroautos finanziell und technisch verlässlich auf den Weg bringen kann.
Letztlich braucht der elektrische Golf mehr als einen traditionsreichen Namen: Er braucht auch die Mittel, um ein überzeugendes Auto zu werden.