Da ist er also, der neue VW ID. Tiguan. Optisch trifft das Elektro-SUV definitiv meinen Geschmack: Das kantigere Design verleiht ihm einen erwachseneren und hochwertigeren Auftritt. Und noch wichtiger: Er sieht endlich wieder wie ein echter Volkswagen aus – und das ist auch gut so. Mit dem bekannten Modellnamen Tiguan weckt Volkswagen allerdings auch hohe Erwartungen. Schliesslich gehört der Tiguan zu den wichtigsten Modellen der Marke und ist weltweit ihr meistverkauftes Fahrzeug.
Doch kann der ID. Tiguan diese hohen Erwartungen erfüllen? Zumindest optisch lautet meine Antwort klar: ja. Sowohl das Exterieur als auch der Innenraum wirken deutlich stimmiger als bei den bisherigen ID.-Modellen. Besonders begrüsse ich die Rückkehr zu physischen Tasten am Lenkrad und generell zu mehr echten Bedienelementen. Genau das hatten sich viele Volkswagen-Kundinnen und -Kunden gewünscht – und auch ich. Allerdings muss ich eingestehen, dass das Lenkrad für meinen Geschmack beinahe schon wieder mit Tasten überladen wirkt. Aber das ist vielleicht nur mein persönlicher Eindruck.

Obwohl sich Volkswagen wieder stärker auf klassische Bedienelemente besinnt, kommen auch «Digital Natives» nicht zu kurz. Erstmals gibt es in einem europäischen VW sogar ein optionales Beifahrerdisplay. Darüber dürfte sich meine Tochter besonders freuen, sobald ich den ID. Tiguan irgendwann in hoffentlich absehbarer Zukunft als Testfahrzeug erhalte. Ergänzt wird das digitale Cockpit durch einen grosszügigen Infotainment-Touchscreen und ein deutlich grösseres Fahrerdisplay als beim bisherigen ID.4.

Die verwendeten Materialien machen auf den bisherigen Pressebildern jedenfalls einen hochwertigen Eindruck. Volkswagen verspricht generell eine spürbar höhere Wertigkeit – ob dieses Versprechen eingehalten wird, muss sich allerdings erst in einem Test zeigen. Positiv ist auch das grosszügige Platzangebot: Der Kofferraum fasst bis zu 534 Liter, hinzu kommt erstmals ein Frunk mit weiteren 32 Litern Stauraum.


Der ID. Tiguan verfügt sowohl über einen kleinen Frunk als auch über einen geräumigen Kofferraum | Galerie: Volkswagen
VW ID. Tiguan: Solide Reichweite, enttäuschende Ladeleistung
Auch wenn sich bereits im Vorfeld abgezeichnet hat, dass der ID. Tiguan technisch keine grossen Sprünge machen würde, fällt das Ergebnis etwas ernüchternd aus. Die WLTP-Reichweite von bis zu 600 Kilometern beim Modell mit Heckantrieb und 77-kWh-NMC-Batterie geht zwar in Ordnung, etwas mehr wäre in dieser Fahrzeugklasse aber durchaus wünschenswert gewesen. Eine grössere Batterie hätte die Reichweite zweifelsohne erhöht, vermutlich jedoch den Preis spürbar nach oben getrieben.
Der grösste Schwachpunkt zeigt sich jedoch bei der Ladeleistung. Mit maximal 165 kW benötigt die 77-kWh-Batterie an einer DC-Schnellladestation unter optimalen Bedingungen laut Volkswagen rund 29 Minuten, um von 10 auf 80 Prozent geladen zu werden. Das ist im Jahr 2026 und bei einem Einstiegspreis von 52’200 Franken nicht mehr ganz zeitgemäss. Zahlreiche Mitbewerber bieten in diesem Preissegment bereits eine 800-Volt-Architektur oder erreichen selbst mit einem 400-Volt-System deutlich höhere Ladeleistungen und kürzere Ladestopps.

Nicht unerwähnt bleiben sollten die umfangreichen Ladefunktionen, mit denen sich Volkswagen von Mitbewerbern abhebt. Neben Vehicle-to-Load (V2L), womit sich externe Geräte direkt über die Fahrzeugbatterie mit Strom versorgen lassen, unterstützt der ID. Tiguan auch Vehicle-to-Home (V2H). Dadurch kann das Elektro-SUV als mobiler Stromspeicher in das heimische Energiemanagement eingebunden werden. Hinzu kommt Vehicle-to-Grid (V2G), wodurch sich überschüssige Energie aus der Batterie zurück in das öffentliche Stromnetz einspeisen lässt.
Die drei angekündigten Leistungsvarianten dürften die Bedürfnisse der meisten Kundinnen und Kunden abdecken. Zum Marktstart Anfang 2027 werden in der Schweiz zunächst nur die teureren Modelle mit 77-kWh-Batterie angeboten. Zur Wahl stehen ein Heckantrieb mit 210 kW (286 PS) und ein Allradantrieb mit 220 kW (299 PS). Zu einem späteren Zeitpunkt folgt die Basisvariante mit einer 58-kWh-LFP-Batterie und 140 kW (190 PS).
Ausgesprochen sportlich ist keine der drei Versionen, was sich auch in den Beschleunigungswerten widerspiegelt. Für den Alltag dürfte die Leistung jedoch mehr als ausreichen. Zudem ist davon auszugehen, dass Volkswagen später einen ID. Tiguan GTI nachreichen wird, der sich gezielt an sportlich orientierte Käuferinnen und Käufer richtet.

Reicht das Gesamtpaket trotz Lade-Schwäche?
Ob der ID. Tiguan trotz seiner technischen Schwächen zum Erfolgsmodell wird, bleibt die grosse Frage. Längst nicht alle Käuferinnen und Käufer achten auf maximale Ladeleistungen oder eine moderne 800-Volt-Architektur. Ein Auto muss letztlich auch gefallen – und hier hat Volkswagen meiner Meinung nach einen richtig guten Job gemacht. Der ID. Tiguan ist komfortabel, geräumig und dank seiner ordentlichen Reichweite alltagstauglich. Damit dürfte VW insbesondere Familien ansprechen – sofern sie über das nötige Kleingeld verfügen. Denn mit einem Einstiegspreis von über 50’000 Franken ist der elektrische Tiguan definitiv kein Schnäppchen.
Gegenüber dem ID.4 stellt der ID. Tiguan zweifellos einen Fortschritt dar. Technisch handelt es sich jedoch eher um eine gezielte Weiterentwicklung als um den grundlegenden Neustart, den der neue, bekannte Modellname zunächst vermuten lässt.