Anfang Oktober haben wir euch die ersten Kritiken zu «Digger» vorgestellt. Diese waren eher durchwachsen und waren wohl mit ein Grund, dass die Zuschauer ausblieben. Dadurch wurde der Film zum schwächsten Kinostart von Tom Cruise seit 19 Jahren.
Drei Wochenenden später ist klar: Aus der Enttäuschung ist ein Desaster geworden. Der neue Film von Oscar-Preisträger Alejandro G. Iñárritu, in dem Cruise einen grössenwahnsinnigen Ölmagnaten spielt, verschwindet in den USA bereits wieder aus den Kinos – und dürfte Warner Bros. eine Viertelmilliarde Dollar kosten.
Für Cruise, der mit «Top Gun: Maverick» zuletzt einen Megahit gelandet hat, ist es der teuerste Reinfall seiner Karriere. Und für Warner ein bitterer Abschied: «Digger» ist die letzte Veröffentlichung des Studios als eigenständiges Unternehmen vor der Übernahme durch Paramount.
Aus 3321 Kinos werden 786
Schon der Start war schwach: Rund 8 Millionen Dollar spielte «Digger» am ersten Wochenende in Nordamerika ein. Danach ging es steil bergab. Am zweiten Wochenende kamen nur noch 3,2 Millionen dazu, ein Minus von 60 Prozent. Am dritten Wochenende waren es gemäss «The Numbers» noch 920'000 Dollar – ein weiteres Minus von über 70 Prozent und nur noch Platz 15 der US-Kinocharts.
Die Kinos haben darauf reagiert und den Film massenhaft aus dem Programm gestrichen. Lief «Digger» am zweiten Wochenende noch in 3321 Kinos, waren es am dritten nur noch 786. Wie das Filmportal «World of Reel» schreibt, gehört dieser Einbruch um 2535 Kinos zu den grössten, die es bei einem grossen Studiofilm je gab. Insgesamt steht «Digger» in Nordamerika bei rund 17,2 Millionen Dollar, weltweit bei rund 41,7 Millionen.
Bis zu 250 Millionen Dollar Verlust
Das ist angesichts der Kosten ein Debakel. Offiziell spricht Warner von einem Budget von 125 Millionen Dollar. Mehrere Insider gehen jedoch von deutlich mehr aus: Laut «TheWrap» soll der Film am Ende rund 173 Millionen gekostet haben, andere Schätzungen reichen bis 180 Millionen. Dazu kommen rund 100 Millionen Dollar für das Marketing, nicht zuletzt für Cruises weltweite Pressetour.
Entsprechend hoch liegt die Latte. Um in die Gewinnzone zu kommen, hätte «Digger» weltweit rund 350 Millionen Dollar einspielen müssen, wie Branchenexperten gegenüber «Variety» vorrechnen. Warner selbst spricht von 300 Millionen. Mit knapp 42 Millionen hat der Film davon bislang nicht einmal 15 Prozent erreicht.
Weil Warner «Digger» ohne Partner finanziert hat, trägt das Studio den Verlust allein. «TheWrap» rechnet einschliesslich der späteren Einnahmen aus Kauf-Downloads und Streaming mit einem Minus von rund 250 Millionen Dollar, «Variety» kommt auf etwa 245 Millionen. Kurz nach dem Start war noch von rund 125 Millionen die Rede. Damit ist «Digger» auf dem Weg zu einem der grössten Kinoflops aller Zeiten zu werden.
Warum es nicht funktioniert hat
Ganz überraschend kommt der Absturz nicht. Schon die Kritiken waren gespalten, bei Rotten Tomatoes liegt die Wertung bei 51 Prozent. Beim Publikum fiel der Film ebenfalls durch: In den Umfragen von CinemaScore erhielt er die Note C+, eine der schlechtesten Bewertungen in Cruises Karriere.
Iñárritu hatte betont, er habe den Film für die Generation Z gemacht. Zum Start bestand das Publikum laut «Deadline» tatsächlich zu 60 Prozent aus 18- bis 34-Jährigen, allerdings zu 73 Prozent aus Männern – und es waren schlicht zu wenige.
Eine dialoglastige Politsatire mit einem kaum wiederzuerkennenden Tom Cruise mit Bauch und Halbglatze ist eben kein «Mission: Impossible». Und genau das erwartet ein grosser Teil seines Publikums inzwischen von ihm.
Kultfilm von morgen?
Einen prominenten Fürsprecher hat «Digger» immerhin. Guillermo del Toro verteidigte den Film seines Freundes Iñárritu kurz nach dem Start in den sozialen Medien: «Digger» sei «ausdrücklich ein Kinoerlebnis». Er verglich die Reaktionen mit jenen auf «The King of Comedy» oder «The Big Lebowski» – Filme, die erst Jahre später ihr Publikum gefunden haben. Ob «Digger» dieses Schicksal teilt, wird sich frühestens beim Streaming-Start zeigen. Einen offiziellen Termin dafür gibt es noch nicht.
Und in der Schweiz?
Bei uns läuft «Digger» seit dem 30. September in der Romandie und seit dem 1. Oktober in der Deutschschweiz und im Tessin. Laut der Filmdatenbank von ProCinema haben den Film bislang 14'588 Personen im Kino gesehen. Davon entfallen 8777 Eintritte auf die Deutschschweiz, 5191 auf die Romandie und 620 auf das Tessin.
Wie wenig das ist, zeigt ein Blick auf Cruises Filme seit «Mission: Impossible» von 1996, mit dem seine Karriere als Actionstar begann. Seit diesem Jahr hat laut ProCinema nur das Musical «Rock of Ages» (2012), in dem er als Rockstar eine Nebenrolle spielt, mit 8228 Eintritten weniger Publikum in die Schweizer Kinos gelockt.
Selbst «Von Löwen und Lämmern», das 2007 in den USA noch schwächer startete als «Digger», kam in der Schweiz auf 68'097 Eintritte, der Flop «Die Mumie» (2017) auf 63'676 – mehr als viermal so viele wie «Digger».
Ganz zu schweigen von «Mission: Impossible – The Final Reckoning» mit 230'305 oder «Top Gun: Maverick», der inklusive Wiederaufführung zum 40-Jahr-Jubiläum von «Top Gun» bei 635'493 Eintritten steht.
Zwar läuft «Digger» noch in den Schweizer Kinos. Viel dazukommen dürfte aber nicht mehr. Der Film dauert 129 Minuten und ist ab 14 Jahren freigegeben, empfohlen wird er ab 16.