Wichtig! Dieser Text enthält Spoiler zur Handlung von «Silent Hill: Townfall». Solltest du das Spiel noch nicht durchgespielt haben, rate ich dir, es erst zu beenden und dann noch einmal hierher zurückzukommen.
Während die Monster in «Resident Evil» grauenhafte Mutationen von fehlgeleiteten Experimenten sind, waren die Gegner der Game-Reihe «Silent Hill» schon immer eine Ecke vielschichtiger. Oft symbolisieren sie nämlich Teile der Psyche der Protagonistinnen und Protagonisten oder stehen stellvertretend für Themen der Geschichte.
Da bildet auch «Silent Hill: Townfall» keine Ausnahme. Das Spiel ist seit dem 24. September für PlayStation 5 und PC erhältlich und wartet mit – zugegeben überschaubaren – fünf Gegnertypen auf.
Und weil unter Fans immer ein munteres Rätselraten entsteht, welcher Gegner wofür steht, liefere ich hiermit meine Interpretation. Die Betonung liegt auf meine. Nichts davon ist bislang vom Entwicklerstudio Screen Burn bestätigt.
Das musst du zur Story wissen
Im Kern geht es in «Silent Hill: Townfall» um die Ölplattform SWDP vor der Küste der schottischen Insel St. Amelia. Weil Konzernchef Richard Shaw, dessen Firma quasi die ganze Insel wirtschaftlich beherrscht, trotz Protesten und Bedenken unsichere Baukomponenten in die Plattform verbauen liess, kam es während einer Inspektion zur Katastrophe.
Feuer brach aus, brachte die Plattform zur Explosion und riss Dutzende Arbeiter in den Tod. Protagonist und Sicherheitsinspektor Simon Ordell überlebte die Katastrophe als Einziger. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt liess er sich von Shaw vor den Karren spannen, um die Unzulänglichkeiten zu vertuschen.
The Lunger
Der Lunger ist der erste Gegnertyp, der uns in «Silent Hill: Townfall» begegnet. In Spanngurte eingepackt und mit einer Metallplatte im Schädel sorgt er in den ersten Spielstunden für ziemlich hohen Puls. Auch, weil er – ohne Arme – Türen öffnen und uns in Gebäude folgen kann.

Von allen Gegnertypen finde ich ihn am schwersten zu deuten. Aber vermutlich symbolisiert er jene Opfer der Ölplattform, die es bei der Explosion besonders schlimm erwischt hat.
Ihre Körper sind ein Durcheinander aus verbranntem Fleisch, Metallteilen und Spanngurten, alles zu einem nicht mehr identifizierbaren Mischmasch verschmolzen. Im Spiel rennen sie wild umher – als würden sie noch versuchen, der Katastrophe zu entkommen und dabei alles aus dem Weg zu räumen, was sich ihnen entgegenstellt.
The Sorrowful
Diese armen Kerle haben ebenfalls kein Gesicht mehr, sind am ganzen Körper verbrannt und haben eine grosse Narbe vom Kopf bis zum Brustkorb, aus der sie eine Infusionsnadel samt Schlauch schiessen lassen können. Simon trifft sie übers ganze Spiel verteilt immer wieder an. Mal schlurfen sie umher, mal hocken sie vornübergebeugt in Gärten und manchmal hämmern sie verzweifelt an Türen.

Sie repräsentieren meiner Meinung nach die Überlebenden der Katastrophe, die es immerhin noch in ärztliche Behandlung geschafft haben – daher auch der grosse Einschnitt und die Infusion als Fernwaffe. Im Gegensatz zu den Lunger sind sie ziemlich langsam unterwegs, als ob ihre geschundenen Körper keine Kraft mehr haben.
The Fallen
Diese zerschellten Körper gibt es in zwei Ausführungen. Entweder liegen sie schwer atmend am Boden und bäumen sich bei Näherkommen noch zu einem letzten Angriff auf. Oder aber sie schleppen sich erschreckend schnell mit den Armen über die Strassen und später auch durch Lüftungsschächte.
Sie könnten die Toten symbolisieren, die nach der Katastrophe ans Ufer gespült wurden. Aufmerksame Spielerinnen und Spieler dürften an den Küstenabschnitten mehrmals auf herumliegende Overalls gestossen sein.

Und dass unzählige Körper der «Fallen» vom Himmel regnen, wenn sich «The Collaps» über die Insel bewegt, könnte den Moment darstellen, als viele Arbeiter verzweifelt von der Plattform gesprungen sind.
Zudem hören wir im letzten Kapitel Dialogfetzen, während sich die Katastrophe auf der Ölplattform ereignet hat. Und da fragt eine Stimme, warum sie (die Menschen auf der Plattform) alle in die Tiefe springen.
Und die schnell kriechende Variante? Sie stellen möglicherweise jene Arbeiter dar, die sich noch panisch in Sicherheit bringen wollen – wenn nötig auch durch die Schächte der Anlage.
The Widow
Hier ist der Name schon Programm. Die weiblich anmutenden Gegner stellen die Hinterbliebenen der Katastrophe dar. Die Witwen jener Männer, die bei der Explosion gestorben sind. Im Gegensatz zu den anderen Gegnern sind sie schnell, haben die Fähigkeit, Waffen zu nutzen und sind taktischer unterwegs.

Ausserdem trifft man sie nur in jenem Kapitel an, in dem wir als Richard Shaw unterwegs sind. Sie könnten also die wütenden Witwen sein, die Demonstrationen gegen Shaw und seine Firma organisiert haben und ihn zur Rechenschaft ziehen wollen – aber nicht können. Denn Shaw fährt grosse Geschütze auf – in Form einer doppelläufigen Schrotflinte – und hält sich die wütenden Witwen problemlos vom Leib.
Frühe Entwürfe dieses Gegnertyps, die im digitalen Artbook zu finden sind, zeigen die Körper in Zeitungspapier eingewickelt, was den Aspekt der öffentlichen Wut noch etwas verstärkt.
The Collapse
Kein klassischer Gegner, aber das Tentakelwesen «The Collapse», das wir immer wieder am Himmel über St. Amelia sehen ist, ebenfalls einen näheren Blick wert. Erst hielt ich es für eine Lovecraft-ähnliche Entität aus den kosmischen Tiefen, aber die logischere Erklärung ist viel irdischer.

In meinen Augen steht das Wesen nämlich für die Ölplattform selber, auf der sich die Katastrophe ereignet. Die vier Tentakel stellen dabei die Stützen der Plattform dar. Und dass Fallen von diesem Wesen herunterstürzen, unterstreicht meine Vermutung noch. Zumal The Collapse seinen Schatten über St. Amelia wirft, als Symbol, wie die Katastrophe eine ganze Insel buchstäblich überschattet.
The Weight
Mein Hassgegner Nummer 1 im Spiel. Die unerbittliche KI dieses typischen Stalker-Gegners wird bald von den Entwicklern mit einem Update angepasst. Davon abgesehen ist die Rolle des «Gewichts» in der Story ziemlich früh klar. Auch, weil der Name alles andere als subtil gewählt ist.

The Weight steht für die Last, die Simon mit sich herumtragen muss. Das Wissen darum, was er den Menschen von St. Amelia angetan hat, indem er sich in der hitzigen Debatte um die Schuldfrage der Katastrophe von Richard Shaw hat einspannen lassen.
Auffällig sind die kopfförmigen Auswüchse auf dem Rücken und den Schultern der Kreatur, die für die Menschen stehen, die in der Katastrophe umgekommen sind.
Beim Endkampf stellt sich Simon seiner Verantwortung und besiegt The Weight im Zweikampf – und gesteht sich damit seine Schuld ein. Insofern übernimmt er eine ähnliche Funktion wie einst der ikonische Pyramid Head in «Silent Hill 2».