In Europa sind Elektroautos auf dem Vormarsch. Die Schweiz hinkt im europäischen Vergleich jedoch deutlich hinterher. Das überrascht, zumal die Treibstoffpreise hierzulande ein Rekordhoch erreicht haben. Dennoch kommt der Umstieg auf Elektroautos im Vergleich zu anderen europäischen Ländern weiterhin nur schleppend voran. In einem Interview mit «CH Media» äusserte sich Amag-Chef Helmut Ruhl nun zu den Gründen für diese Entwicklung.
Die Amag ist der grösste Autoimporteur der Schweiz und vertritt hierzulande Marken wie Volkswagen, Audi, Skoda, Seat und Cupra. Für Ruhl gibt es gleich mehrere Gründe, weshalb der Umstieg auf Elektroautos in der Schweiz nur schleppend vorankommt. Angefangen bei widersprüchlichen Rahmenbedingungen, insbesondere für Mieter und Stockwerkeigentümer.
Das Problem: In der Schweiz gibt es kein Recht auf eine Lademöglichkeit zu Hause. Viele Mieterinnen und Mieter sowie Stockwerkeigentümer können deshalb keine eigene Wallbox installieren, was die Attraktivität eines Elektroautos deutlich schmälert. Nach den Plänen des Bundes soll sich dies künftig ändern und Mietparteien sollen ein Recht auf eine Ladestation erhalten. Dagegen regt sich jedoch Widerstand aus der Immobilienbranche. Das letzte Wort ist somit noch nicht gesprochen.
Auch auf öffentlichen Parkplätzen fehlt aus Sicht von Ruhl die notwendige Ladeinfrastruktur. Hinzu kommen grosse kantonale Unterschiede bei den Motorfahrzeugsteuern. Während Elektroautofahrer in einigen Kantonen von Vergünstigungen profitieren, fallen andernorts für ein Elektroauto jährlich bis zu 1'000 Franken mehr Steuern an als für einen vergleichbaren Benziner. Das schafft definitiv keine Anreize für einen Umstieg.
Hohe Treibstoffpreise steigern dennoch die Nachfrage
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen in der Schweiz verzeichnet die Amag seit einigen Monaten eine steigende Nachfrage nach Elektroautos. Laut Ruhl entfiel im laufenden Jahr rund ein Viertel der Neuzulassungen auf vollelektrische Modelle. Im August lag ihr Anteil bereits bei 30 Prozent, im September sogar noch etwas höher.
Der wachsenden Konkurrenz aus China blickt der Amag-Chef gelassen entgegen. Auch bei Elektroautos bevorzugen Schweizerinnen und Schweizer offenbar weiterhin deutsche Marken. Laut einer Sotomo-Umfrage würden sich 84 Prozent der Befragten für ein Elektroauto eines deutschen Herstellers entscheiden.
Meine Einschätzung
Die Argumente von Amag-Chef Helmut Ruhl kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen. Mein privates Umfeld zeigt ziemlich deutlich, wo es in der Schweiz noch hapert. Ich kenne inzwischen mehrere Personen, die grundsätzlich Interesse an einem Elektroauto hätten, sich letztlich aber dagegen entschieden haben – nicht wegen der Reichweite oder zu langen Ladezeiten, sondern weil sie zu Hause keine vernünftige Lademöglichkeit haben.
Gerade für Mieterinnen und Mieter wird die eigene Wallbox schnell zum Problem. Entweder fehlt die Zustimmung der Eigentümerschaft, eine Installation ist technisch gar nicht möglich oder die Kosten sind schlicht zu hoch. Auch in meinem Umfeld gab es Fälle, in denen Interessierte aufgrund der hohen Kosten für die Installation letztlich darauf verzichtet haben. Wer sein Elektroauto nicht bequem zu Hause laden kann und stattdessen dauerhaft auf öffentliche Ladestationen angewiesen ist, verliert einen der grössten Vorteile eines Elektroautos. Hinzu kommt, dass öffentliches Laden je nach Anbieter und Tarif deutlich teurer sein kann als das Laden zu Hause.