Mit «Grand Theft Auto 6» steht das wohl am meisten erwartete Videospiel der Geschichte in den Startlöchern. Ab sofort kann das Gangster-Epos für sämtliche Plattformen vorbestellt werden.
Grund genug für mich, einen Blick zurück zu werfen und jene Games ins Rampenlicht zu zerren, die – mal mehr und mal weniger erfolgreich – Rockstars Formel zu kopieren versuchten.
True Crime: Streets of LA
Spielemagazine aus aller Welt priesen 2003 Activisions Open-World-Actioner «True Crime: Streets of LA» als den ganz grossen GTA-Killer an. Ein riesiges nachgebautes LA als Schauplatz (angeblich über 600 Quadratkilometer Fläche) , lizenzierte Musik, Hollywood-Stars als Sprecher und viel Werbetamtam sollten dafür Sorgen, «Grand Theft Auto» in den Staub zu schicken.
Tatsächlich war das Spiel rund um Undercover-Cop Nick Kang, der die Unterwelt von LA aufmischt, sehr ambitioniert und verkaufte sich durchaus gut. Branchenzahlen gehen von rund drei Millionen verkauften Einheiten aus. Auch die Kritiken fielen damals in der Mehrheit positiv aus.
Ich selbst tat mich schwer. Ja, LA war riesig, aber auch wahnsinnig monoton und leer. Die Story war kompletter Murks (Drogendeals? Chinesische Flüche? Vampire?!) und es gab abseits der Storymissionen einfach nicht viel Spannendes zu tun. Das Spiel hat seine Fans und das durchaus zu Recht, mir persönlich hat es allerdings nicht so zugesagt. Trotzdem hab ich ungesund viele Stunden reingesteckt – immerhin hatte ich mir das Game mit meinem sauer verdienten Taschengeld teuer erkauft.
2005 folgte mit «True Crime: New York City» übrigens noch ein Nachfolger (den ich nicht gespielt habe), danach wurde es still um die Reihe. Zwar gab es immer wieder Gerüchte über einen dritten Teil, der kam jedoch nie.
Zumindest nicht unter dem Namen «True Crime». Und damit kommen wir zu einem meiner Lieblingsspiele aller Zeiten.
Sleeping Dogs
Wie der Phönix aus der Asche entstieg 2012 «Sleeping Dogs» aus den Überresten der «True Crime»-Reihe. Und meine Güte war das ein gelungenes Comeback.
Die an Hong Kong Island orientierte Spielwelt war ein visueller Augenschmaus, eine lebendige, leuchtende Metropole, bei der es an jeder Ecke etwas Spannendes zu entdecken gab. Dass ich kurz davor selbst in Hong Kong unterwegs war, hat das digitale Sightseeing umso besser gemacht.
Die Mischung aus John-Woo-artigen Kämpfen, brutalen Finishern, Parkour-Gerenne und dem spassigen Fahrgefühl durch die neongefluteten Häuserschluchten haben mir richtig gefallen. Auch die klischierte, aber mit Schmackes erzählte Story erinnerte positiv an das klassische Hong Kong-Kino. Mit «Sleeping Dogs» hatte ich bedeutend mehr Spass als beispielsweise mit «Grand Theft Auto 4».
Leider blieb das Spiel mit knapp 1,5 Millionen Verkäufen hinter den Erwartungen von Publisher Square Enix zurück und die gelungene Auferstehung landete wieder auf dem Boden der Tatsachen.
«Sleeping Dogs» hat in meinen Augen nie die Anerkennung bekommen, die es verdient hat, denn der Titel macht durchs Band Laune, hat sich geschickt vom grossen Vorbild abgenabelt und kann heute dank PS4-Remaster immer noch gespielt werden. Ach, ich werde nostalgisch. Vielleicht hau ich mir das Ding heute auf die Festplatte, dreh ein paar Runden den Victoria Peak hoch und ersteche böse Buben mit einem gefrorenen Schwertfisch.
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Scarface: The World is Yours
Was, wenn unser aller Lieblingsdrogenbaron Tony «Scarface» Montana (Al Pacino) am Ende von Brian De Palmas «Scarface» von 1983 nicht draufgegangen wäre? Diesem Gedankenexperiment widmet sich Sierras «Scarface: The World is Yours» aus dem Jahr 2006.
Das Spiel startet mit der legendären Endschlacht des Filmes, hier aber gelingt Tony Montana die Flucht aus seinem umstellten Anwesen. Montanas Karriere als Obermacker ist vorbei, aber Tony wäre nicht Tony, wenn er jetzt an ein ehrbares Leben denken würde. Stattdessen arbeiten wir uns als Spielerinnen und Spieler die Karriereleiter wieder hoch. Zuerst mit kleinen Drogendeals an Strassenecken in Miami, später kaufen wir ganze Anwesen und Firmen und organisieren grosse Lieferungen von den Florida Keys ans Festland.
Natürlich stand «GTA» hier in vielerlei Hinsicht Pate, allerdings ist «Scarface: The World is Yours» auch ein sich schliessender Kreis, waren sowohl «GTA 3» als auch «GTA: Vice City» stark vom neonfarbenen Gangsterepos inspiriert.
«Scarface: The World is Yours» war aber mehr als ein blosser Klon. Auch hier fetzte ein richtig geiler Soundtrack mit Dutzenden lizenzierten Songs aus den Lautsprechern. Hollywood-Stars wie Steven Bauer, Robert Loggia, Ricky Gervais und James Woods liehen den Figuren ihre Stimmen (ausser Al Pacino, der aber seine Optik hergab und Synchronsprecher André Sogliuzzo seinen Segen gab) und optisch war das Spiel bedeutend hübscher und realistischer als «GTA».
Auch spielerisch war das Game – in meinen Augen – ein verdammt grosser und verdammt unkorrekter Spass. Man konnte seine Feinde verspotten und beleidigen und bekam dafür Mut-Punkte, mit denen Tony in einen Amokmodus katapultiert wurde, bei dem es sehr blutig zur Sache ging. Genau diese Gewalt und der unbeschwerte Umgang mit Rauschmitteln sorgte dafür, dass «Scarface: The World is Yours» bei uns im deutschsprachigen Raum nur geschnitten auf den Markt kam. Das hat mich damals als Teenager schon hart genervt. Nebst Gore-Effekten wurden auch ganze Missionen gestrichen. Regt mich bis heute auf.
Ich würde viel «Yeyo» dafür hergeben, dieses Kultspiel in einem Remaster noch einmal zu zocken. Aus Lizenzgründen ist das wohl so unwahrscheinlich, wie ein Platz im Himmel für Tony Montana.
Simpsons: Hit & Run
Wenn in der Popkultur ein Phänomen entsteht, sind die Simpsons nie weit, um sich darüber lustig zu machen. Das gilt auch für die Videospielindustrie. 2003 hat sich die gelbe Familie mit «Simpsons: Hit & Run» dem rüpelhaften Open-World-Genre angenommen und ihre eigene Interpretation davon auf den Markt gebracht.
Als verschiedene Familienmitglieder der gelben Chaosfamilie gurken wir durch ein fiktives Springfield und erledigen zu Fuss, im Auto und anderen Gefährten verschiedene Aufträge. Dazu gibt's wie im grossen Vorbild eine Minimap, Fahndungsmeter und allerlei Referenzen. Im Gegensatz zu «GTA» war «Simpsons: Hit & Run» natürlich massiv familienfreundlicher und war damit die perfekte Alternative für all jene Kids, die für «GTA» noch zu jung waren – oder niemanden hatten, der ihnen das Spiel trotzdem gekauft hat.
Als Fan der (früheren!) Simpsons war «Simpsons: Hit & Run» natürlich ein Pflichtkauf. Einer, den ich nicht bereut habe. Klar, da spielt eine ordentliche Portion Nostalgie und Lizenz-Bonus noch mit rein, aber «Simpsons: Hit & Run» hat die klassische «GTA»-Formel gut umgesetzt und einen sehr unterhaltsamen Trip nach Springfield ermöglicht.
Saints Row 2
War Teil 1 noch eine Übungsfläche für das Entwicklungsteam, hat die Marke mit Teil 2 ihre Identität gefunden. Nämlich die eines satirischen und rotzfrechen Open-World-Spiels, das noch überspitzter und fieser daherkommt als das grosse Vorbild.
Sowohl die Map als auch die überdrehten Figuren (Nichts als Liebe für Johnny Gat), die bewusst doofe Story und die zahlreichen Radiosender (inklusive klassischer Musik) sorgen für ein rundum gelungenes und spassiges Anarcho-Abenteuer. Leider hat sich die Reihe mit jedem weiteren Teil immer weiter ins Trashige manövriert, bevor sie sich mit dem missglückten Reboot «Saints Row» von 2022 wohl endgültig ins Aus manövriert hat.
Driv3r
Das mag ein Hot Take sein, aber ich hatte mit «Driv3r» – was «Driver 3» heissen sollte – damals auf meiner PlayStation 2 eine Menge Spass. War «Driver» auf der PS1 noch ein reines Autofahrspiel, bot «Driver 2» bereits die Möglichkeit, auszusteigen und die pixelige Konterfeis von Havanna, Las Vegas oder Rio de Janeiro zu Fuss zu erkunden. Aufgrund der Hardware der PS1 war das leider ein praktisch unspielbares «Vergnügen».
«Driv3r» wollte es 2004 besser machen. Originalgetreu nachgebaute Versionen von Miami, Nizza und Istanbul als Schauplätze, auch hier wieder Hollywood-Starpower (Michelle Rodriguez, Iggy Pop, Michael Madsen und Ving Rhames) und fetzige Musik wollten dem Klassenprimus den Rang ablaufen.
Funktionierte leider nur bescheiden. Das Game war nach Release verbuggt, die Steuerung inklusive Schusswechsel war ein ungelenkes Desaster und die zwar sehr schön – und erstaunlich detailliert – nachgebauten Städte waren kaum mehr als eine leblose Kulisse. Nach dem geil inszenierten Intro liessen auch die Inszenierung und die Story stark zu wünschen übrig.
Ja, das Fahrgefühl machte Spass und ich konnte meinen Miami-Urlaub digital nacherleben, aber wegen der Story hab ich «Driv3r» kaum gespielt. War mir persönlich auch zu schwer.
Aber den «Freie Fahrt»-Modus, Heidewitzka, in den hab ich Stunden versenkt! Und keine einzige davon bereut.
Übrigens: Wie viele andere der oben genannten Reihen, ist auch die «Driver»-Franchise auf dem Leichenberg der Spielgeschichte gelandet. 2011 kam mit «Driver: San Francisco» der letzte Hauptteil für die PlayStation 3, PC, Wii und Xbox 360 raus. Danach steuerte sich die Reihe kurzzeitig noch den Mobile-Markt an, bevor sie die Abzweigung verpasste und in die Schlucht des Vergessens donnerte.
