Kaum ein Stephen-King-Stoff hat sich so ins popkulturelle Gedächtnis gebrannt wie «Carrie». Der Debütroman von 1974 und Brian De Palmas Verfilmung von 1976 mit dem legendären Abschlussball haben Generationen von Horrorfans geprägt.
Ein Remake von 2013 mit Chloë Grace Moretz konnte die Kritiker nicht wirklich überzeugen. Nun wagt sich ausgerechnet Mike Flanagan an den Stoff – jener Mann, der mit «Spuk in Hill House» und «Der Untergang des Hauses Usher» zum Meister der Horrorserie aufgestiegen ist.
Nicht der erste Ausflug ins King-Universum
Mit dem Stoff von King hat er bereits Erfahrung, wenn auch in Filmform: Mit «Doctor Sleep» hat er die Fortsetzung des King-Klassikers «The Shining» verantwortet. Obwohl der Film mehrheitlich positive aufgenommen wurde, war ihm an den Kinokassen kein Erfolg vergönnt. Nun möchte Flanagan den Erfolg, der im Kino ausblieb, in Serienform wettmachen.
Am 7. Oktober startet die achtteilige Serie auf Prime Video – auch in der Schweiz, und zwar gleich mit allen Folgen am Stück. Passend zur Halloween-Saison, in der auch Disney+ kräftig Horror nachlegt. Nach dem Aus für «Spider-Noir» braucht Amazon zudem dringend wieder einen Serienhit.
Jetzt ist die Sperrfrist für die Kritiken gefallen – und das Urteil ist mehrheitlich positiv, aber nicht ohne Abstriche. Auf Rotten Tomatoes steht «Carrie» nach den ersten gut 30 Reviews bei 82 Prozent (Stand Freitagmorgen, der Wert schwankt noch). Das ist solide, für Flanagan-Verhältnisse aber eher unterdurchschnittlich: «Spuk in Hill House» oder «Der Untergang des Hauses Usher» kamen bei der Kritik deutlich besser weg.
Darum geht's in «Carrie»
Carrie White (Summer H. Howell) ist eine Aussenseiterin, die von ihrer streng religiösen Mutter Margaret (Samantha Sloyan) abgeschottet wird. Nach dem Tod ihres Vaters muss sie an eine öffentliche Highschool – wo sie nicht nur klassisches Mobbing, sondern auch Cybermobbing erlebt. Gleichzeitig entdeckt sie, dass sie telekinetische Kräfte hat. Wie das endet, wissen Kenner des Originals.
Flanagan verlegt die Geschichte konsequent ins Social-Media-Zeitalter und baut sie deutlich aus: Laut Prime Video beginnt jede Folge nach dem Auftakt mit einer anderen Frau, die zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort ähnliche Kräfte entdeckt. Für die Hauptrolle haben übrigens rund 1500 Schauspielerinnen vorgesprochen. Daneben spielen unter anderem Matthew Lillard, Amber Midthunder, Siena Agudong und Heather Graham mit – plus einige Gesichter aus Flanagans Stamm-Ensemble wie Kate Siegel und Rahul Kohli.
Die positiven Stimmen
Am meisten begeistert ist das britische «Empire», das von einer «erstaunlich frischen, hervorragend gespielten Version» von Kings Geschichte spricht. Bei «Time» heisst es, das sei die erste «Carrie»-Adaption, die es schaffe, ganz aus dem Schatten von De Palmas Film zu treten. «Polygon» lobt eine «gewagte und vollständige Neuerzählung», die «New York Post» ein «packendes Update für die Gen-Z-Ära».
Auch «Nerdist» findet, die Serie gelinge «in fast jeder Hinsicht», und bei «Collider» heisst es, die Neuinterpretation sei zwar nicht perfekt, mache aber «ziemlich süchtig». Besonders hervorgehoben wird mehrfach der Abschlussball: «Screen Rant» zählt ihn zu den grössten Leistungen in Flanagans Karriere.
Die Verrisse
Ganz einig ist sich die Kritik allerdings nicht. Daniel Feinberg vom «Hollywood Reporter» findet die Serie am Ende «weniger eigenständig und viel weniger gruselig, als sie sein sollte». Flanagan sei schon immer besser darin gewesen, Stimmung aufzubauen, als echte Schreckensmomente zu liefern. Am härtesten urteilt der britische «Telegraph»: Kings Klassiker sei zu einem «weiteren belanglosen Teenie-Drama» verkommen.
Ein Kritikpunkt taucht dabei immer wieder auf: die Länge. «/Film» vergibt 6 von 10 Punkten und hält fest, dass sich «Carrie» schlicht nicht gut für ein Serienformat eigne. Der schmale Roman werde stark gestreckt. Gegen Ende fühle sich die Serie gar nicht mehr richtig wie «Carrie» an. Auch «The Playlist» und «Film Stories» stören sich daran, dass Flanagan die Geschichte zu einem grösseren Universum ausbauen will. Das wirke eher störend als nötig, und das Ende sei nicht wirklich befriedigend.
Einig sind sich fast alle bei Summer H. Howell
So unterschiedlich die Urteile über die Serie ausfallen: Bei der Hauptdarstellerin sind sich fast alle einig. «/Film» nennt Summer H. Howell «so etwas wie eine Offenbarung», für «CNET» ist ihre Leistung «herzzerreissend» und «schlicht überragend». Erste Stimmen bringen sie bereits für Preise ins Gespräch. Viel Lob gibt es auch für Samantha Sloyan als fanatische Mutter, die laut «Collider» sogar die grösste Entdeckung der Serie ist.
Unser Fazit nach den ersten Kritiken: Wer Flanagans bisherige Serien mochte, dürfte auch hier auf seine Kosten kommen. Wer dagegen den puren Horror von De Palmas Klassiker erwartet, sollte die Erwartungen etwas zurückschrauben. Ob sich die acht Folgen lohnen, können wir ab dem 7. Oktober selbst herausfinden.