Mit dem Hyundai IONIQ 9 erweitert Hyundai sein wachsendes Portfolio an Elektroautos um ein grosses SUV mit klarer Familienausrichtung. Nach den Modellen IONIQ 5 und IONIQ 6 richtet sich der neue IONIQ 9 insbesondere an Grossfamilien, die viel Platz, moderne Technik und hohe Alltagstauglichkeit suchen. Dank der grossen Batterie und der überzeugenden Ladeleistung dürfte das Thema Reichweitenangst auch der Vergangenheit angehören.
Das vollelektrische SUV wird sowohl als Sechs- als auch als Siebenplätzer angeboten. Für unseren Test stand die besonders hochwertig ausgestattete Calligraphy-Variante mit sechs Sitzplätzen bereit. Sie möchte mit luxuriösem Ambiente und viel Komfort überzeugen. Ob das im Alltag gelingt und wie sich der IONIQ 9 mit Allradantrieb und 314 kW (428 PS) sonst schlägt, habe ich während mehr als zwei Wochen getestet.

Exterieur
Mit einer Länge von mehr als fünf Metern und einer Breite von fast zwei Metern (ohne Aussenspiegel) ist der IONIQ 9 alles andere als kompakt. Dennoch ist es Hyundai gelungen, die wuchtigen Dimensionen geschickt zu kaschieren. Fliessende Linien und die aerodynamisch gezeichnete Silhouette verleihen dem IONIQ 9 eine elegante Erscheinung. Dadurch wirkt das Fahrzeug trotz seiner Grösse deutlich dynamischer und weniger massiv, als es die effektiven Zahlen zunächst vermuten lassen.






Galerie: vybe
Besonders gut hat mir die markante Front mit den für IONIQ-Modelle typischen Pixel-LED-Leuchten gefallen. Sie verleihen dem grossen Elektro-SUV einerseits einen modernen und andererseits einen futuristischen Look. Am Heck scheiden sich dagegen die Geister. Die markante Lichtsignatur im Pixel-Look fällt zweifellos auf. Für meinen Geschmack ist es etwas zu viel des Guten. Zusammen mit der sanft abfallenden Dachlinie ergibt sich aber insgesamt ein stimmiges Bild.

Interieur
Der Innenraum des IONIQ 9 lässt sich am besten als gemütlich beschreiben. Besonders die Fahrer- und Beifahrersitze sowie die beiden Sitze in der zweiten Reihe sind äusserst bequem. So bequem, dass einige Mitfahrer:innen am liebsten noch etwas länger im Fahrzeug sitzen geblieben wären. Diese vier Sitze sind mit luxuriösen Extras wie Sitzheizung und -lüftung ausgestattet. Für den Fahrer steht sogar eine Stretch-Funktion für Lenden- und Gesässbereich zur Verfügung.
Die erste und zweite Reihe bieten viel Kopf- und Beinfreiheit und ermöglichen somit eine entspannte Sitzposition - auch auf langen Reisen. Die dritte Reihe, die sich elektrisch auf Knopfdruck umklappen lässt, eignet sich eher für Kinder. Einerseits ist der Einstieg etwas mühsam, andererseits reduziert sich die Beinfreiheit. Bei Nutzung der dritten Sitzreihe reduziert sich das Kofferraumvolumen auf 338 Liter, was für Fahrzeuge mit einer solchen Konfiguration üblich ist.




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In vielen Fällen dürften die insgesamt vier Sitzplätze im Fahrzeug jedoch völlig ausreichen. Dann spielt der IONIQ 9 seine Stärken richtig aus. Wenn die dritte Sitzreihe umgeklappt wird, erhöht sich das Kofferraumvolumen auf über 900 Liter. Mit anderen Worten: Wer mit dem IONIQ 9 zu viert in den Urlaub fährt, hat mehr als genügend Stauraum. Zusätzlich zum grosszügigen Kofferraumvolumen kommt ein 52 Liter fassender Frunk hinzu. Darin lässt sich etwa das Ladekabel problemlos verstauen.
Der Innenraum des IONIQ 9 präsentiert sich äusserst modern. Dazu tragen auch die großen Fenster bei. Selbst die Heckscheibe ist vergleichsweise groß und ermöglicht so einen guten Blick nach hinten. Der IONIQ 9 besticht durch seine hochwertigen Materialien und deren edle Anmutung. Dazu tragen die weichen Oberflächen und die sorgfältig verarbeiteten Details bei. Dank des breiten Radstands von über drei Metern entsteht ein luftiges Ambiente.






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Auch bei der Ausstattung trifft man auf viel Premium und innovative Funktionen. Die verschiebbare Mittelarmlehne verfügt über eine kabellose Smartphone-Ladestation und lässt sich problemlos von der zweiten Reihe aus öffnen. Im ganzen Fahrzeug gibt es mehr als genügend USB-C-Anschlüsse und sogar ein Fach, in dem sich Smartphones oder Schlüssel per UV-Licht desinfizieren lassen. Letzteres habe ich bisher bei keinem anderen Auto angetroffen.

Bedienung und Infotainment
Der IONIQ 9 verfügt über ein 12,3 Zoll grosses Kombiinstrument sowie ein gleich grosses Touchscreen-Display für das Infotainmentsystem. Für den Fahrer steht zudem ein Head-up-Display zur Verfügung. Im Vergleich zu den bisherigen Modellen IONIQ 5 und IONIQ 6 gibt es dabei keine Unterschiede. Positiv hervorzuheben ist, dass Hyundai nicht vollständig auf die Steuerung über das Touchscreen setzt. Etwa die Lüftung lässt sich über ein einzelnes Display und physische Regler bedienen. Im Fond gibt es über ein kleines Display dieselbe Steuerung.




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Unterhalb des Touchscreens befinden sich zusätzliche physische Tasten, mit denen sich beispielsweise der Homescreen oder das Radio aufrufen lässt. Hyundai ist eine gute Mischung aus Touchscreen-Bedienung und Bedienung über physische Tasten gelungen. Besonders bei der Lüftung begrüsse ich es, wenn ich mich nicht durch zahlreiche Menüs kämpfen muss. Zudem reduzieren die physischen Tasten das Risiko, sich zu stark vom Touchscreen und somit vom Verkehrsgeschehen ablenken zu lassen.
Die Tage des eingesetzten Infotainmentsystems sind hingegen gezählt. Mit dem neuen IONIQ 3 hat Hyundai kürzlich auch das neue Betriebssystem Pleos vorgestellt, das auf Android basiert. Ja, es ist an der Zeit, dass Hyundai das Infotainment auf den neuesten Stand bringt. Zwar lässt sich das System im IONIQ 9 weitgehend intuitiv nutzen und auch Android Auto sowie Apple CarPlay werden kabellos unterstützt, insgesamt wirkt das System jedoch altbacken. So gibt es etwa keine Möglichkeit, um zusätzliche Apps zu installieren. All das und noch viel mehr wird jedoch mit Pleos kommen. Ich gehe davon aus, dass ein nächstes Facelift des IONIQ 9 dann auch auf das neue Pleos mit neuer Displaykonfiguration setzen wird.

Fahrleistung und Fahrspass
Entscheidet man sich für den IONIQ 9 mit Allradantrieb, erhält man eine Systemleistung von 315 kW (428 PS) und ein Drehmoment von bis zu 700 Newtonmeter. Dadurch wird das hohe Gewicht von 2,7 Tonnen fast vergessen. Das zeigt sich auch beim Sprint von 0 auf 100 km/h, den der grosse Elektro-SUV in beachtlichen 5,2 Sekunden schafft. Die Höchstgeschwindigkeit ist erst bei Tempo 200 km/h elektrisch abgeriegelt.
Neben den typischen Fahrmodi Eco, Normal und Sport sowie einem individuellen Modus verfügt der IONIQ 9 über zusätzliche Programme für den Offroad-Bereich (Schnee, Sand, Schlamm). Sie alle lassen sich über eine intuitiv bedienbare Schaltwippe an der Mittelarmlehne auswählen. Die Rekuperation erfolgt über zwei Schaltwippen am Lenkrad. Auch das ist gut gelöst und ermöglicht eine schnelle Anpassung an unterschiedliche Situationen.


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Aber kann ein über fünf Meter langes Familien-SUV tatsächlich Fahrspass bieten? Definitiv. Ampelsprints oder spontane Zwischenspurts auf der Autobahn absolviert der IONIQ 9 AWD Performance mit Leichtigkeit, sodass man im digitalen Rückspiegel öfter verblüffte Gesichter zurücklässt. In schnell gefahrenen engen Kurven macht sich die Masse dann aber doch bemerkbar – zaubern kann schliesslich auch Hyundai nicht.
Das Fahrwerk ist weniger auf Sport, sondern mehr auf Reisekomfort und Stabilität ausgelegt. Auf eine Luftfederung verzichtet Hyundai allerdings und setzt dafür auf ein elektronisch geregeltes Stahlfederfahrwerk. Bodenwellen steckt das Fahrwerk sanft weg. Die Lenkung ist für ein Fahrzeug mit diesen Abmessungen ziemlich direkt und bietet auch genügend Rückmeldung für den Fahrer. Im Sportmodus passt sich die Lenkung mit spürbarem Widerstand an.

Mit einer Länge von über fünf Metern ist der Wendekreis nicht die Paradedisziplin des IONIQ 9 AWD Performance. Mit rund 13 Metern muss man rechnen, was besonders in engen Parkhäusern hin und wieder zusätzliche Manöver erforderlich macht. Abhilfe hätte hier eine Hinterradlenkung geschaffen, wie sie beispielsweise beim MG IM6 vorhanden ist.
Der IONIQ 9 ist mit zahlreichen Assistenzsystemen ausgestattet, darunter dem Pilot Assist und Highway Driving Assist (HDA). Diese funktionieren gut und halten den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug zuverlässig ein. Bremst das vorausfahrende Fahrzeug, wird die Geschwindigkeit angenehm angepasst. Der Spurwechselassistent arbeitet zuverlässig und beschleunigt bei Bedarf einwandfrei. Die Erkennung der Tempolimits, die nach Bestätigung automatisch übernommen werden können, funktionierte hingegen nicht perfekt. Dieses Problem hatte ich besonders auf Schweizer Autobahnen auch mit anderen Fahrzeugen immer wieder.
Reichweite und Laden
Im IONIQ 9 verbaut Hyundai eine grosse 110-kWh-Batterie. Trotz eines Gewichts von knapp 2,8 Tonnen gibt Hyundai eine Reichweite von bis zu 600 Kilometern bzw. einen WLTP-Verbrauch von 20,4 kWh auf 100 Kilometern an. Ein guter Wert für ein Fahrzeug dieser Grösse. Wie bei Elektroautos aber üblich, haben Temperaturen und die Fahrweise einen starken Einfluss auf die realistische Reichweite.

Während des Testzeitraums herrschten Temperaturen zwischen 5 und 20 Grad. Dennoch konnte der IONIQ 9 im Test in puncto Verbrauch und Reichweite überzeugen. Selbst bei einem Anteil von 90 Prozent Autobahn lag der Verbrauch bei 24,5 kWh auf 100 Kilometern. Das ist ein insgesamt durchaus guter Wert für ein Auto dieser Grössenordnung, mit dem eine Reichweite von über 400 Kilometern erreicht werden kann.
Dank seiner guten Reichweite und der 800-Volt-Architektur ist der IONIQ 9 auch für die Langstrecke geeignet. Die Batterie lässt sich mit bis zu 350 kW ziemlich schnell aufladen. Laut Hyundai benötigt der IONIQ 9 an einem DC-Schnelllader 24 Minuten, um von 10 auf 80 Prozent zu laden. Im Test mit vorkonditionierter Batterie (lässt sich manuell aktivieren) benötigte der IONIQ 9 an einem Schnelllader von IONITY effektiv nur 26 Minuten, um von 10 auf 80 Prozent aufzuladen. Die Angaben von Hyundai sind somit durchaus realistisch.

Das Testfazit zum Hyundai IONIQ 9 AWD Performance
Der Hyundai IONIQ 9 hinterlässt im Test insgesamt einen sehr überzeugenden Eindruck als konsequent auf Familien und Langstrecke ausgelegtes Elektro-SUV. Besonders die enorme Raumfülle, die flexibel nutzbare Sitzkonfiguration sowie der hohe Komfort in den ersten beiden Reihen machen ihn zu einem echten Reisefahrzeug. Auch die hochwertige Anmutung im Innenraum und die vielen durchdachten Details unterstreichen den Anspruch, im Premium-Segment mitzuspielen.
Auch fahrdynamisch überrascht der IONIQ 9 positiver, als es seine Masse vermuten lassen. Die Kombination aus kräftigem Allradantrieb, guter Beschleunigung und abgestimmtem Komfortfahrwerk sorgt dafür, dass sich das über fünf Meter lange SUV deutlich agiler anfühlt, als man erwartet. Grenzen setzt naturgemäss das hohe Gewicht in engen Kurven, und auch der Wendekreis bleibt ein praktischer Nachteil im urbanen Umfeld. Für entspanntes Reisen und lange Strecken spielt das Fahrzeug seine Stärken jedoch klar aus, unterstützt durch zahlreiche Assistenzsysteme und ein stabiles Fahrverhalten.
Besonders stark zeigt sich der IONIQ 9 bei Reichweite und Ladeleistung. Die grosse Batterie in Kombination mit der 800-Volt-Architektur sorgt für alltagstaugliche Reichweiten und kurze Ladezeiten, wodurch auch lange Etappen problemlos möglich sind. Kritik verdient hingegen das Infotainmentsystem, das im Vergleich zur modernen Gesamtanmutung etwas veraltet wirkt und dringend ein Update vertragen kann.