Der Leapmotor C10 (4x4) feierte im vergangenen Jahr auf der Auto Show Zürich seine Weltpremiere. Dabei handelt es sich um einen vollelektrischen SUV, der durch sein modernes Design und seine Leistung überzeugt. Andererseits bietet Leapmotor ihn zu einem äusserst attraktiven Preis von unter 40000 Schweizer Franken an. Dafür gibt es einen Allradantrieb mit einer Systemleistung von knapp 600 PS und bei der Allradvariante jetzt sogar eine 800-Volt-Architektur. Manch einer dürfte sich fragen: „Wo ist da der Haken?”
Genau dieser Frage sind wir zwei Wochen lang nachgegangen. In diesem Zeitraum haben wir den Leapmotor C10 (4x4) in der Stadt, auf der Autobahn und auf Landstrassen bei für Elektroautos eher suboptimalen, sehr kühlen und rauen Wetterbedingungen gefahren.

Exterieur: Die 600 PS spiegeln sich nicht im Design wider
Der C10 4x4 basiert zumindest optisch auf dem Basis-C10, der inzwischen auch mit Range Extender erhältlich ist. Die beeindruckende Systemleistung des Allradantriebes von fast 600 PS spiegelt sich nicht im Design wider. Es gibt keine kantigen Spoiler-Elemente oder wuchtigen Diffusoren, sondern ein modernes, eher zurückhaltendes Design.
Doch optisch muss sich der 4,74 Meter lange C10 4x4 keinesfalls verstecken. Die leicht abfallende Dachlinie und die dynamische Front mit den schmalen LED-Scheinwerfern, die nahtlos in den Kühlergrill übergehen, verleihen dem SUV eine elegante, moderne Präsenz auf der Strasse. Auch die Gestaltung der Heckpartie weiss zu überzeugen und folgt dem Prinzip «weniger ist mehr». Auffälligstes Merkmal sind die Rückleuchten, die durch ein breites LED-Lichtband verbunden sind.
Insgesamt hinterlässt das moderne, nicht zu futuristische Design des Leapmotor C10 (4x4) einen stimmigen Eindruck.


Galerie: vybe
Interieur: Bequeme Sitze eignen sich für die Langstrecke
Wer keine Touchscreens mag und physische Tasten bevorzugt, wird mit dem Leapmotor C10 (4x4) nicht so wirklich glücklich. Das Cockpit wird durch ein grosses 14,6-Zoll-Touchscreen-Display dominiert, über das so ziemlich alle Funktionen des Fahrzeugs bedient werden. Physische Tasten sind auf ein Minimum reduziert. Für den Fahrer steht ein Kombiinstrument zur Verfügung, auf dem alle relevanten Fahrdaten angezeigt werden. Ein Head-up-Display ist nicht vorhanden.
Die Mittelkonsole bietet mit ihren Ablageflächen viel Platz und verfügt zusätzlich über ein relativ grosses Fach. Zwei Cupholder sorgen dafür, dass Getränke auf der Fahrt nicht verschüttet werden. Das Smartphone lässt sich über eine Wireless-Ladefläche kabellos aufladen. Alternativ stehen im Cockpit sowie im Fond Anschlussmöglichkeiten (1 x USB-C und 1 x USB-A) zur Verfügung. Damit können auch Fahrgäste ihre elektronischen Geräte aufladen.

Die weich gepolsterten Sitze im C10 (4x4) haben mir im Test gut gefallen. Sie laden zu längeren, aber nicht allzu sportlichen Fahrten auf kurvenreichen Strecken ein. Dafür bieten sie schlichtweg zu wenig Seitenhalt. Die Silikonledersitze fühlen sich insgesamt wertig an. Die Ambientebeleuchtung, deren Farbe sich auf Wunsch ändern lässt, und das grosse Panorama-Dach, das sich bis zum Fond erstreckt, sorgen für eine angenehme Atmosphäre im Innenraum.

Platzangebot und Kofferraum
Auch die Platzverhältnisse wissen zu überzeugen. Das gilt sowohl für die beiden vorderen als auch für die drei Plätze im Fond. Selbst mit meinen knapp 1,90 m hatte ich auf allen Plätzen genügend Kopf- und Beinfreiheit. Wie bei Elektroautos üblich, gibt es in der Mitte des Fonds keine Erhöhung. Das sorgt für zusätzlichen Komfort auf den hinteren Plätzen. Apropos Komfort. Wenn nur zwei der drei Plätze belegt sind, gibt es auch eine Mittelarmlehne. Leider verzichtet Leapmotor dabei auf Cupholder, die den Komfort zusätzlich erhöhen würden.

Angesichts der Fahrzeuglänge könnte man meinen, dass der C10 (4x4) auch über einen grossen Kofferraum verfügt. Dem ist jedoch nicht so – oder sagen wir, er ist eher durchschnittlich. Mit einem Volumen von 435 Litern bzw. 1410 Litern bei umgeklappter Rückbank fällt das Kofferraumvolumen nicht ganz so üppig aus. Erwähnenswert ist der 32 Liter grosse Frunk unterhalb der Kühlerhaube, in dem sich etwa das Ladekabel verstauen lässt.
Bedienung und Infotainment: Joa, da geht noch was!
Der Leapmotor C10 (4x4) lässt sich mit einer Smartcard öffnen. Das kennen wir bereits von anderen Herstellern, die ebenfalls auf einen klassischen Schlüssel verzichten. Umständlich ist jedoch die Tatsache, dass die Karte jeweils an den Aussenspiegel auf der Fahrerseite gehalten werden muss, damit sich das Fahrzeug öffnet bzw. wieder schliesst. Es gibt zwar eine App, mit der sich das Fahrzeug ohne Karte öffnen lässt, aber die konnte beim Testfahrzeug leider nicht verwendet werden.
Wie bereits weiter oben erwähnt, erfolgt die Bedienung hauptsächlich über das zentrale Touchscreen. Leapmotor hat physische Tasten auf das absolute Minimum reduziert und folgt damit einem Trend, der Tesla verschuldet ist. Zwar reagiert das Infotainment weitestgehend reaktionsschnell auf Eingaben und die Menüpunkte sind nachvollziehbar, dennoch ist es nicht jedermanns Sache, alles über den Touchscreen zu bedienen. Dies kann besonders zu Beginn für Ablenkung sorgen.

Beim Infotainment haben mich zwei bis drei Punkte besonders genervt oder ich habe sie vermisst, angefangen beim Radio. Beim Leapmotor C10 (4x4) lassen sich natürlich auch DAB-Sender empfangen und abspielen. Doch der ausgewählte Sender muss bei jedem Starten des Fahrzeugs neu aktiviert werden. Das ist etwas umständlich. Der integrierte Sprachassistent funktioniert mal so, mal so. Einige Dinge versteht die gute Dame gut, andere vermeintlich einfache Dinge wiederum nicht.
Inzwischen können Android Auto und Apple CarPlay in sehr vielen Autos kabellos oder zumindest mit Kabel verwendet werden. Beim C10 fehlt diese Unterstützung jedoch gänzlich. Wer auf die Lösungen von Google oder Apple zurückgreifen möchte, muss einen Adapter verwenden. Da das integrierte Navi von Leapmotor gut funktioniert, habe ich Google Maps zumindest nicht vermisst. Apropos Navi: Es zeigt die wichtigsten POIs, inklusive Ladestationen, an. Die Ladeplanung konnte im Test leider nicht näher geprüft werden.

Fahrleistung: Leistung pur, aber...
Der Leapmotor C10 (4x4) verfügt über eine Systemleistung von 440 kW (598 PS) sowie ein Drehmoment von 720 Nm. Damit beschleunigt das 2,2 Tonnen schwere Elektroauto in vier Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Spitzengeschwindigkeit beträgt 190 km/h. Das sind beeindruckende Leistungsdaten – besonders bei einem Verkaufspreis von unter 40000 Schweizer Franken. Es gibt in der Schweiz schlichtweg kein vergleichbar günstiges Auto, das so viele PS zu diesem Preis bietet.
Die volle Kraft entfaltet der C10 im Sport-Modus. Schon ein leichter Druck aufs Gaspedal sorgt dann für eine unmittelbare und spürbar kraftvolle Beschleunigung. Das Fahrwerk ist gut aufeinander abgestimmt und erlaubt eine flotte Kurvenfahrt. Die Lenkung dürfte für meinen Geschmack noch etwas direkter sein. Selbst im Sport-Modus, bei dem das Lenkrad etwas straffer ist, würde ich mir eine etwas knackigere Lenkung wünschen.
Der Leapmotor C10 (4x) verfügt über verschiedene Fahrmodi, darunter Eco, Komfort und Sport. Auch One-Pedal-Fahren ist grundsätzlich möglich. Allerdings kann das Einpedal-Fahren nur im Stillstand (P) und nur im Eco-Modus verwendet werden. Das heisst, während der Fahrt kann One-Pedal nicht aktiviert werden. Zudem lässt sich kein anderer Fahr-Modi wählen, wenn One-Pedal aktiv ist. Das ist etwas umständlich.

Der adaptive Tempomat stellte mich vor ein Rätsel. Mal funktionierte er einwandfrei, dann wieder nicht wie gewünscht. Letzteres zeigte sich in Form von unnötigem Abbremsen (sogenannten Phantombremsungen) auf der Autobahn oder einer sehr unruhigen Fahrweise mit kurzen Beschleunigungs- und anschliessenden kurzen Bremsphasen. Das Resultat: Eine holprige Angelegenheit und für mich Grund genug, den Tempomat zu deaktivieren.
Ein weiterer Punkt, der mir besonders auf der Autobahn aufgefallen ist: Wenn man den C10 (4x4) mit adaptivem Tempomat und Spurhalteassistent fährt, bremst das Fahrzeug in lang gezogenen Kurven viel zu stark ab. Warum das so ist, kann ich mir nicht erklären. Dieses Problem hatte ich bei anderen Fahrzeugen zumindest nicht in diesem Ausmass. Auf Anfrage bei Leapmotor Schweiz wurde mir versichert, dass die genannten Probleme mit dem adaptiven Tempomat und dem Spurhalteassistenten bekannt sind. Ein OTA-Software-Update ist in Entwicklung und soll in den kommenden Monaten veröffentlicht werden.
Sehr überrascht war ich über die Tatsache, dass der C10 (4x4) zwar über eine 360-Grad-Kamera verfügt, aber nur hinten Parksensoren verbaut hat. Es ist somit Vorsicht zu bewahren.

Laden und Reichweite: Ja, es war kalt … sehr kalt
Im Gegensatz zum normalen C10 verfügt der Allradantriebler über eine 800-Volt-Architektur. Wer nun jedoch mit einer sehr hohen Ladeleistung rechnet, wird an der Schnellladestation enttäuscht sein. Das chinesische Unternehmen gibt maximal 180 kW an. Damit lässt sich die 81,9-kWh-LFP-Batterie unter optimalen Bedingungen in 22 Minuten von 30 auf 80 Prozent aufladen.
An der IONITY-Schnellladestation konnte dieser Wert nicht reproduziert werden. Im Bereich zwischen 30 und 80 Prozent hat die Batterie maximal knapp 150 kW geladen. Das ist im Vergleich zu einem Xpeng G9 AWD Performance, der ebenfalls auf einer 800-Volt-Architektur basiert, maximal durchschnittlich. Allerdings gibt Xpeng die Ladeleistung des G9 mit bis zu 525 kW an. Und der G9 kostet im Vergleich zum C10 (4x4) auch fast doppelt so viel.
Leapmotor gibt die Reichweite mit bis zu 437 Kilometern nach WLTP-Zyklus an. Dieser Wert konnte unter den frostigen Wetterbedingungen der letzten Wochen wenig überraschend nicht ansatzweise erreicht werden. Auf der Autobahn zeigte mir das Fahrzeug einen Verbrauch von weit über 25 kWh auf 100 km an. Letztlich kam ich bei ca. 80 Prozent Autobahn-Kilometern auf knapp 300 Kilometer Reichweite.
Wie bereits erwähnt, war es in der Schweiz in den vergangenen Wochen ziemlich frostig. Temperaturen unter 0 °C waren praktisch an der Tagesordnung. Auch wenn der Verbrauch tendenziell etwas höher war, darf man nicht vergessen, dass 30 kWh auf 100 km etwa 3,5 Litern Benzin bzw. 3 Litern Diesel entsprechen. Insofern sollte man sich vom höheren Verbrauch nicht zu sehr irritieren lassen.

Das Testfazit zum Leapmotor C10 4x4
Der Leapmotor C10 (4x4) überrascht vor allem mit seinem äusserst attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis. Knapp 600 PS, Allradantrieb und 800-Volt-Technik zu einem Preis unter 40’000 Franken sind in dieser Klasse nahezu konkurrenzlos. Fahrleistungen, Komfort und Platzangebot überzeugen im Alltag und machen den C10 4x4 zu einem echten Leistungsschnäppchen.
Abstriche muss man jedoch bei der Bedienung und den Assistenzsystemen machen. Die starke Touchscreen-Fokussierung, fehlendes Android Auto und AppleCarPlay sowie ein unausgereifter adaptiver Tempomat trüben den Gesamteindruck. Auch die Ladeleistung bleibt hinter den Erwartungen an eine 800-Volt-Plattform zurück.
Schlussendlich ist der Leapmotor C10 (4x4) ein Elektro-SUV mit viel Platz, Komfort und Leistung fürs Geld. Wer über Software-Schwächen hinwegsehen kann und auf Updates hofft, erhält ein attraktives Gesamtpaket mit wenigen, aber aktuell noch spürbaren Schwächen.