Procreate auf dem iPad.
Wer auf einem Tablet zeichnen möchte, greift höchstwahrscheinlich zu einem iPad mit Procreate. | Bild: procreate.art
Technik Android Apple

Huawei hat tolle Tablets, ignoriert aber die User, die iPads populär gemacht haben

Pascal Scherrer
Pascal Scherrer

Wer sich heutzutage ein Tablet kauft, tendiert noch immer zu einem Gerät von Apple. Zum einen liegt das daran, dass Apple auch hier ein Vorreiter war und sich eine treue Fangemeinde aufbauen konnte. Der grosse Vorteil von Apple-Tablets liegt aber auch im Ökosystem und dem Fokus auf Kreative. Schon immer war es Apples Philosophie, Geräte für die kreativen Leute dieser Welt zu machen. Das zeigt sich in der Hardware, vor allem aber auch in der Software. Es ist kein Zufall, dass Apple mit Final Cut als einziger der grossen Tech-Konzerne ein Videoschnittprogramm im Portfolio hat, das auch in der Filmindustrie eingesetzt wird.

Apple iPad der 9. Generation von 2021.
Apples iPads sind noch immer das Mass aller Dinge bei Tablets. | Bild: Apple

Microsoft, Samsung und jüngst auch Huawei können Final Cut höchstens Hobby-Programme entgegensetzen. Inzwischen hat sich der Markt aber verändert und gut optimierte Hobby-Schnittprogramme sind gefragt wie nie. In goldenen Zeitalter der  Bewegtbilder werden plötzlich alle zu Videoproduzent:innen. Doch auch abseits von Videos brodelt es in der kreativen Welt. Digital Art ist beliebt wie nie, Künstler:innen, die auf Tablets zeichnen und ganze Welten erschaffen, haben auf TikTok, Instagram und YouTube riesige Followerzahlen.

iPad und Procreate dominieren den Tablet-Markt

Ganz vorn dabei ist hier natürlich Apple. Wer sich ein Tablet kauft, um damit zu zeichnen, wird höchstwahrscheinlich zu einem iPad greifen. Der einfache Grund: Procreate. Ein Programm, das nur für Apple-Geräte verfügbar ist und längst nicht mehr nur ein Geheimtipp ist. Stolpere ich auf TikTok oder Instagram über ein Zeichenvideo, ist die Chance gross, dass gerade auf einem iPad in Procreate gearbeitet wird. Wenn nicht, ist es in der Regel Photoshop, der Big Player in der Welt der digitalen Kunst.

Procreate: Grafikprogramm für das iPad und iPhone.
Bild: procreate.art

Ob man nun Photoshop oder Procreate nutzt, ist gar nicht so relevant, denn beide Programme stehen exemplarisch für ein Problem, dass Android und Huawei haben: Wer auf einem Tablet mit Android oder HarmonyOS kreativ sein will, findet sich vor gewisse Herausforderungen gestellt. Android hat den Tablets jahrelang keine Priorität eingeräumt und bezahlt jetzt den Preis dafür: Obwohl Android-Tablets wie das Samsung Galaxy Tab S8 Ultra mit ausgezeichneter Hardware aufwarten können, zerstört die mässige Android-Software alles.

Photoshop auf Android? Ein Flickenteppich aus mehreren Apps. Weshalb Adobe Photoshop auf mehrere Apps aufgeteilt hat, bleibt ein Rätsel. Procreate? Die konzentrieren sich lieber auf Apples Geräte. Klar, es gibt alternative Programme wie Sketchbook oder Infinite Painter. Doch keines davon konnte sich zu einer wirklichen Photoshop-Alternative à la Procreate mausern.

Photoshop für Android.
Adobe hat Photoshop auf Android in insgesamt vier verschiedene Apps aufgestückelt – und keine davon ist zufriedenstellend. | Bild: vybe

Kreativen Leuten bleibt ausserhalb des Apple-Ökosystems daher eigentlich nur der Griff zu einem Windows-Tablet, doch diese sind rar gesät. Und erscheint doch einmal eines auf dem Markt, ist es oft ein Mittelklassegerät, das für Büroarbeiten gedacht ist. (Oder kommt wie in Huaweis Fall erst gar nicht in die Schweiz).

Huawei muss Androids Tablet-Versäumnis endlich ausnutzen

Genau hier bestünde für Huawei eine riesige Chance, die der Konzern bisher aber nicht genutzt hat. Googles Versäumnis, ein konkurrenzfähiges Tablet-OS für den kreativen Workflow auf den Markt zu bringen, müsste Huawei ausnutzen. Warum sie das nicht tun, ist mir ein Rätsel. Ich nutze jetzt seit Längerem ein MatePad 11 zusammen mit dem M-Pencil und bin wirklich sehr angetan, was Huawei da für ein Tablet gebaut hat.

Huawei Matepad 11 mit M-Pencil.
Das Matepad 11 mit dem M-Pencil macht eine gute Figur. | Bild: Huawei

Vor allem aber hat mich die Software überrascht: Im Gegensatz zu Huaweis neuen Smartphones kommen die Tablets mit HarmonyOS. Im Fall des MatePad 11 mit HarmonyOS 2.0 – und dieses kann sich wirklich sehen lassen. Optisch hat sich Huawei eindeutig von Apples iPad OS inspirieren lassen, aber mir als Endnutzer kann das eigentlich egal sein. Schlussendlich will ich ein gutes Betriebssystem, Punkt.

Wichtig für mich ist: Huawei hat mit HarmonyOS für Tablets ein Betriebssystem abgeliefert, dass Spass macht. Es ist übersichtlich, vieles ist intuitiv und sehr gut mit den restlichen Geräten von Huawei integriert. Dass es auch noch hübsch aussieht, ist noch ein Bonus. Tatsächlich neige ich sogar dazu, zu sagen, dass Huaweis HarmonyOS das ist, was Apples iPadOS am nächsten kommt, was Design und Funktionalität anbelangt.

HarmonyOS auf Tablets leidet kaum unter den fehlenden Google Services

Vor allem aber schlägt es Android und das trotz fehlender Google Mobile Services! Die fehlenden GMS auf Huaweis MatePad 11 sind beinahe kein Problem. Das dürfte wohl auch der Grund gewesen sein, weshalb Huawei sich entschieden hatte, HarmonyOS auf Tablets auch ausserhalb Chinas zu launchen.

Huawei HarmonyOS
Bild: Huawei

Apps, die auf Huawei-Smartphones ohne GMS nicht laufen, kann man auf dem Tablet einfach durch die Website ersetzen. Seit es YouTube, Gmail oder selbst Google Maps: Hier funktioniert alles. Einzig, wer sein eBanking über eine App auf dem Tablet erledigen will, kommt mit HarmonyOS nicht weit. Das dürften aber wohl eine Minderheit sein.

Fakt ist: Wer ein Huawei-Tablet mit HarmonyOS nutzt, dürfte kaum einen Nachteil zu einem Tablet mit Android bemerken. Wir haben also ein Tablet mit potenter Hardware und einem Betriebssystem, das Android locker das Wasser reichen kann, teilweise sogar besser ist. Wieso also, ignoriert Huawei die kreativen Kund:innen?

Ich meine: Huawei hat mit dem MatePad 11 und dem M-Pencil ein Tablet am Start, das richtig, richtig gut ist. Ich habe zwei Illustratorinnen in meinem Umfeld, eine arbeitet mit dem iPad, die andere mit dem Surface Pro, und beide sind vom MatePad 11, respektive dem M-Pencil sehr angetan. Tatsächlich würde die Illustratorin mit dem Surface Pro sogar liebend gerne auf das MatePad 11 umsteigen, wäre da nicht ein grosses Problem: Es gibt kein potentes Grafik- und Zeichenprogramm.

Grafik- und Zeichenprogramme in der AppGallery von Huawei.
In der AppGallery sieht es bezüglich Grafik- und Zeichenprogrammen eher düster aus. | Bild: vybe

Harmony-Tablets könnten eine ernst zu nehmende Alternative für iPads sein

Es ist klar, dass Huawei in Sachen Apps noch etwas hinterherhinkt. Dennoch müsste man meinen, dass es Huawei nach vier Jahren geschafft haben müsste, in diesem Bereich etwas auf die Beine zu stellen. Wenn kein eigenes Programm, dann doch eine Kooperation. Ich meine: Huawei macht ein Tablet, das hard- und softwareseitig Apples Geräten das Wasser reichen soll, lässt aber ausgerechnet den kreativen Aspekt aussen vor?

Dass Huawei keine Adobe-Apps anbieten kann, dürfte wegen des US-Banns klar sein. Ein grosser Verlust ist das sowieso nicht, denn wie wir anhand von Android sehen, ist die Adobe Suite auf Tablets ein wahrer Albtraum. Allerdings gäbe es doch bestimmt eine Möglichkeit, eine richtig gute All-in-One-App à la Procreate auf HarmonyOS zu bringen.

Petal Clip gibt es bereits, wieso kein Petal Draw?

Dass Huawei durchaus gewisse Ambitionen im kreativen Raum hat, zeigt die Videoschnitt-App Petal Clip. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass dies nur der Anfang ist und Huawei bald so etwas wie Petal Draw oder Petal Design nachschiebt. Man stelle sich vor: Ein Video- und ein Grafikprogramm, das perfekt auf die Hardware von Huawei abgestimmt ist. Damit würden Huawei-Tablets zur besten Alternative für Kreative ausserhalb des Apple-Ökosystems.

Petal Clip: Videoschnittprogramm von Huawei.
Bild: Huawei

Klar, eine App selbst zu entwickeln und zu pflegen ist aufwendig und verschlingt Ressourcen. Doch wieso nicht den Weg von Apple gehen und ein Programm für das eigene Ökosystem eines Drittanbieters pushen? Spontan käme mir da der Entwickler Serif aus Grossbritannien in den Sinn. Ihre Programme Affinity Designer, Photo und Publisher gehören auf Windows zu den besten Alternativen für Adobes Creative Suite und der Ruf nach einer Android-Version hallt schon lange durch das Netz. Weshalb es bisher kein Affinity für Android-Tablets gibt, ist der gleiche Grund, wieso Procreate sich auf Apples Tablets beschränkt: die Fragmentierung des Android-Marktes. Dieses Problem gibt es bei Huawei mit seinem HarmonyOS nicht.

Werbung zeigt: Huawei will durchaus Kreative ansprechen

Das ganze wirkt auf mich umso unverständlicher, da Huawei aktuell sein Kollaborations-Feature Super Device massiv bewirbt – und dort vor allem Kreative in den Fokus rückt. So wird im Werbespot für Super Device gezeichnet, designt, in 3D-Programmen gewerkelt und alles über die verschiedenen Huawei-Geräte geteilt. Auch bei der Werbekampagne für das MatePad Pro will Huawei Künstler:innen ansprechen. Unter anderem haben sie dafür den Werbeclip «MatePad Pro – Bring Art to Life» produziert. Doch wenn ich mir aktuell anschaue, was ich im Huaweis AppGallery vorfinde, frage ich mich, wie genau ich auf Huaweis Geräten denn kreativ werden soll.

Ja, auf Huaweis Laptop kann ich natürlich Photoshop, Illustrator, Affinity und noch viele Programme mehr nutzen. Aber zeichnen kann und will ich nun mal auf dem Tablet. Was nützt mir also Super Device, wenn ich meine Photoshop-Datei auf meinem MatePad 11 mit keinem Programm öffnen kann? Die beste Alternative sind im Moment webbasierte Grafikpogramme wie Photopea, aber auch das sind eher Workarounds denn Lösungen.

Huawei hat ein tolles Tablet für Grafiker:innen, Illustrator:innen und Co. und mit Super Device ein spannendes Kollaborations-Feature – jetzt muss Huawei unbedingt noch eine entsprechendes Grafik- und Zeichenprogramm (oder ein potentes Windows-Tablet) nachliefern. Und zwar schnell.