Kia EV4 Fastback im Wintertest: Effizienter als erwartet
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Fahrbericht Kia Elektroauto

Kia EV4 Fastback im Wintertest: Effizienter als erwartet

Bruno Rivas
Bruno Rivas

Inhaltsverzeichnis

In den vergangenen Monaten hat Kia gleich mehrere neue Elektroautos präsentiert – so viele, dass man leicht den Überblick verliert. Trotz dieser Modellflut sticht fast jedes Modell durch sein auffälliges, teils eigenwilliges Design heraus. Der neue Kia EV4 Fastback bildet da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Das Modell, mit dem ich fast drei Wochen unterwegs war, gehört optisch eindeutig zu den mutigeren Vertretern.

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Exterieur

Kia bleibt seiner „Opposites United“-Designsprache treu, interpretiert sie beim EV4 Fastback aber sportlicher. Die markante LED-Lichtsignatur wirkt wie aus einem Sci-Fi-Film, während die kantige Front dem Fahrzeug ein fast schon digitales Erscheinungsbild verleiht. Die flache und fliessende Dachlinie sorgt für Coupé-Charakter, ohne den praktischen Nutzwert komplett zu opfern.

Neben der Fastback-Variante bietet Kia den EV4 auch als klassisches Hatchback an. Die Fastback-Variante profitiert von ihrer flachen Dachlinie, die ihr einen besseren Luftwiderstand beschert. Der 4,73 Meter lange, 1,86 Meter breite und etwa 1,48 Meter hohe EV4 Fastback ist damit besonders aerodynamisch, was sich letztlich positiv auf die Reichweite auswirkt. Der Radstand von 2,82 Metern trägt zudem für gute Platzverhältnisse im Innenraum bei.

Der doppelte Dachspoiler verleiht dem EV4 Fastback eine sportliche Note, während die markanten LED-Rückleuchten für einen unverwechselbaren Auftritt sorgen. An der Front integriert Kia die vertikal ausgerichteten Scheinwerfer harmonisch ins Gesamtbild – ein deutlich anderer Ansatz als beim EV6, der auf eine breitere, horizontalere Lichtsignatur setzt.

Auch nach drei Wochen mit dem EV4 Fastback konnte ich mich immer noch nicht entscheiden, ob mir das Design gefällt oder nicht. Hässlich finde ich ihn nicht, aber wirklich schön wirkt er auf mich dann auch nicht. Vermutlich liegt es irgendwo dazwischen. Natürlich habe ich mich auch in meinem Umfeld umgehört, aber auch da gab es keine überwiegende Mehrheit. Ja, Design ist letztlich halt eine Geschmacksache.

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Interieur

Werfen wir ausnahmsweise gleich mal einen Blick in den Kofferraum. Die sich elektrisch öffnende Kofferraumklappe gibt Zugang zu einer insgesamt kleinen Öffnung. Laut offiziellen Angaben bietet die Fastback-Variante bis zu 490 Liter Stauraum und damit über 50 Liter mehr als die Hatchback-Variante. Das ist einerseits überraschend, andererseits darf man aber nicht vergessen, dass der Fastback auch etwas länger ist.

Der Kofferraum des Kia EV4 Fastback eignet sich besonders gut für lange, eher flache Gegenstände. Er ist zwar tief, eignet sich aber nicht zum Stapeln mehrerer Koffer oder ähnlicher sperriger Gegenstände, da die Höhe aufgrund der Bauweise ganz einfach fehlt. Werden die Rücksitze umgeklappt, dann erweitert sich das Volumen auf bis zu 1435 Liter. Der Kofferraum erinnert mich unweigerlich an den Ford Sierra, den mein Vater in den 90er Jahren gefahren ist. Auch dort gab es zwar viel Tiefe, aber nach oben liess sich halt nicht besonders viel stapeln.

Komfort wird im EV4 Fastback GT Line grossgeschrieben. Auf den Plätzen im Fond nehmen Passagiere auf bequemen Sitzen aus Kunstleder Platz. Die Beinfreiheit ist selbst für grosse Menschen ausreichend. Jedenfalls hatte ich mit meiner Körpergrösse von knapp 1,90 m genügend Platz. Grenzwertig wird es allerdings mit der Kopffreiheit, was der leicht nach hinten abfallenden Dachlinie verschuldet ist. Zwei an den Vordersitzen angebrachte USB-C-Anschlüsse versorgen Smartphones, Tablets und ähnliche Geräte mit Strom. Der Mittelplatz lässt sich zudem zu einer Armlehne mit Becherhalter umfunktionieren.

Auf den beiden vorderen Plätzen darf man es sich ebenfalls auf bequemen Sitzen aus schönem Kunstleder gemütlich machen. Sie verfügen wie im Fond eine Sitzheizung und darüber hinaus sogar auch noch eine Sitzlüftung. Die Sitze lassen sich elektrisch in Handumdrehen einstellen. Es gibt viele Ablageflächen inklusive Getränkehaltern, ein Fach mit Deckel und auch ein Handschuhfach. Neben einem USB-C und 12-Volt-Anschluss lässt sich ein Smartphone auch drahtlos auf der rutschfesten Ladestation aufladen.

Was die Materialien betrifft, setzt Kia beim EV4 Fastback erneut stark auf recycelte Materialien. Obwohl sehr viel Kunststoff zum Einsatz kommt, hatte ich nie den Eindruck, dass das Interieur dadurch billig oder schlecht verarbeitet wirkt. Alles, was man sieht und anfassen kann, wirkt insgesamt wertig und stimmig.

Android Auto und Apple CarPlay werden kabellos unterstützt | Bild: vybe

Bedienung und Infotainment

Der modern gestaltete Innenraum verfügt dennoch über physische Tasten. Während chinesische Hersteller zunehmend reine Touchscreen-Lösungen bevorzugen, setzt Kia auf eine Kombination aus Touchscreen und physischen Tasten. Das mag altbacken wirken, hat aber einen sehr positiven Einfluss auf die Bedienung. Dadurch wird man letztlich deutlich weniger vom Fahrgeschehen abgelenkt und es ist eine deutlich kürzere Eingewöhnungszeit erforderlich.

Der EV4 Fastback ist mit den bekannten Panorama-Displays von Kia ausgestattet. Es gibt zwei 12,3-Zoll-Displays: eines als Kombiinstrument und eines für die Bedienung des Infotainmentsystems. Hinzu kommt ein kleineres 5-Zoll-Display zur Bedienung der Lüftung. Die Lüftung lässt sich jedoch auch über die physischen Tasten unterhalb der Display-Armada regulieren. Zur GT-Linie gehört ausserdem ein Head-Up-Display, das die wichtigsten Informationen direkt auf Fahrerhöhe anzeigt.

Das Infotainment isieht nicht mehr ganz so zeitgemäss aus. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich mich in den letzten Monaten an grössere Touchscreen-Displays gewöhnt habe. Grundsätzlich lässt sich aber festhalten, dass das System erfreulich selbsterklärend ist und zahlreiche Funktionen anbietet. Wer eine etwas modernere Optik wünscht, kann auch auf Apple CarPlay und Android Auto ausweichen. Beide Systeme werden kabellos unterstützt.

Das integrierte Navigationssystem zeigt Echtzeitdaten zur Verkehrslage und zu Ladestationen an. Apropos Ladestationen: Erfreulich ist, dass sich die Ladestationen auch nach Anbietern auswählen lassen. Das wiederum vereinfacht die Ladeplanung auf der Langstrecke immens – vor allem für diejenigen, die einen bestimmten Ladeanbieter bevorzugen.

Das Head-up-Display (HUD) zeigt alle relevanten Infos an | Bild: vybe

Fahrleistung

Am Tag der Übernahme des EV4 Fastback habe ich auch gleich den Leapmotor C10 4x4 zurückgebracht. Während der Leapmotor mit fast 600 PS (440 kW) und Allradantrieb aufwartet, gibt es beim Kia EV4 Fastback „nur” deren 150 kW (204 PS) auf der Vorderachse. Das dürfte auch ein wesentlicher Grund dafür sein, weshalb mir beim EV4 zunächst etwas „Pfupf” gefehlt hat.

Doch sagen wir es mal so: Die Leistung des Kia EV4 Fastback ist absolut vernünftig. Auch mit den 150 kW (204 PS) und einem Drehmoment von 283 Nm kommt man ziemlich flott vorwärts, besonders im Sportmodus. Dabei drehen auch schon mal die Räder bei voller Beschleunigung kurz durch. Eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 7,8 Sekunden reicht im Alltag locker aus, auch wenn dabei der grosse Wumms ausbleibt. Die Spitzengeschwindigkeit ist bei 170 km/h erreicht. Das ist eine Geschwindigkeit, die ich auf Schweizer Autobahnen aber sowieso nie auf dem Tacho sehe.

Der EV4 Fastback kommt mit fünf Drive-Mode daher | Bild: vybe

Dass der EV4 Fastback nicht auf Sportlichkeit ausgelegt ist, zeigt sich nicht nur an der Leistung. Beim Fahrwerk hat Kia eindeutig den Komfort in den Vordergrund gestellt. Es ist zwar weich, aber nicht schwammig, und meistert holprige Strassen problemlos. Die Lenkung ist bei normaler Fahrt leichtgängig, könnte aber etwas direkter sein. Dennoch lassen sich auch kurvenreiche Strecken gut bewältigen.

Der EV4 Fastback unterstützt auch One-Pedal-Driving. Kia bietet insgesamt drei verschiedene Stufen sowie eine automatische Rekuperation. Bei der automatischen Rekuperation entscheidet das Fahrzeug anhand der Begebenheiten, auf welcher Stufe das One-Pedal-Drivinig aktiv ist. In der Regel habe ich die höchste Stufe der Rekuperation manuell ausgewählt. Selbst damit kommt der EV4 allerdings nicht zum vollständigen Stillstand. Hier und da, muss also trotzdem noch die Bremse verwendet werden.

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Reichweite und Laden

Im Vergleich zur Hatchback-Variante bietet die Fastback-Variante einen geringeren Luftwiderstand. Dadurch ist trotz gleicher Batterie eine etwas grössere Reichweite möglich. Mit der 81,4-kWh-Batterie gibt Kia eine WLTP-Reichweite von bis zu 633 Kilometer (Hatchback: 615 km) bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 14,9 kWh auf 100 km an. Inzwischen sollte hinlänglich bekannt sein, dass dieser Wert insbesondere unter den frostigen Bedingungen im Winter nicht erreicht werden kann.

Doch wie schlägt sich der EV4 Fastback bei Temperaturen um den Gefrierpunkt? Auf einer Strecke von etwas über 40 Kilometern, die zu 90 Prozent auf der Autobahn mit bis zu 120 km/h sowie 10 Prozent auf Landstrassen befand, erreichte ich einen durchschnittlichen Verbrauch von 18,7 kWh auf 100 Kilometer. Wohlgemerkt: Die Temperatur lag dabei bei knapp um die 0 Grad. Das ist unterm Strich gesehen ein ganz guter Wert.

Der Verbrauch geht für die winterlichen Bedingungen in Ordnung | Bild: vybe

Im Stadtverkehr mit viel Anfahren und Abbremsen erhöhte sich der Verbrauch auf 21,5 kWh. Das ist nicht überraschend, da auch die Lüftung, Sitzheizung und Lenkradheizung auf Hochtouren liefen. Sobald der Verkehr flüssiger ist und das Auto nicht derart aufgewärmt werden muss, reduzieren sich die 21,5 kWh. Dann zeigte mir das Auto Werte zwischen 16 und 18 kWh an, was bei den Temperaturen um die 0 Grad in Ordnung ist.

Beim EV4 Fastback verzichtet Kia leider auf die 800-Volt-Technologie, die im EV6 und EV9 zum Einsatz kommt. Das heisst auch, man muss sich etwas mehr Zeit an der Ladestation einplanen. Mit maximal 128 kW lädt der EV4 gemäss Kia an einer Schnellladestation. Über eine kurze Zeit zog der EV4 an einer IONITY-Schnellladestation (400 kW) sogar mit 135 kW und damit etwas mehr als von Kia kommuniziert. Kia gibt für einen Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent genau 31 Minuten an. Dieser Wert lässt sich bestätigen und ist auch im Winter und bei vorkonditionierter Batterie als realistisch anzusehen. An einer Wallbox sind übrigens maximal 11 kW möglich.

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Das Testfazit zum Kia EV4 Fastback

Der Kia EV4 Fastback positioniert sich als mutiges Elektroauto, das vor allem durch seine auffällige Designsprache und den guten Nutzwert im Alltag punktet. Auch wenn die Optik polarisiert, überzeugt das Modell durch solide Verarbeitung, viel Komfort und ein für diese Klasse ansprechendes Platzangebot – trotz der coupéhaften Dachlinie.

Im Innenraum spielt der EV4 seine Stärken aus: bequeme Sitze, durchdachte Bedienung mit physischen Tasten und ein selbsterklärendes Infotainmentsystem. Dazu kommen ein praxisnaher Kofferraum und eine insgesamt wertige Materialanmutung. Fahrdynamisch gibt sich der EV4 eher gemütlich, aber keineswegs träge. Die 150 kW reichen gut aus, das Fahrwerk ist komfortabel abgestimmt und die Rekuperation alltagstauglich – auch wenn echtes One-Pedal-Driving nicht möglich ist.

Bei Verbrauch und Reichweite zeigt der EV4 Fastback solide Ergebnisse, selbst bei winterlichen Temperaturen. Schade ist jedoch der Verzicht auf die 800-Volt-Technologie, wodurch die Ladezeiten länger ausfallen als bei Kias höher positionierten Modellen. Insgesamt präsentiert sich der Kia EV4 Fastback als komfortabler, effizienter und alltagstauglicher Begleiter – ohne echte Schwächen, aber auch ohne den Wow-Effekt eines EV6.